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OF WlODtRNART Received:

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The Museum of Modern Art Library

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in 2013

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^fU^IMERl / BERLIN, 6. JANUAR 1 929 / P R E I S 4 0 P F E N N 1 G

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Das große Ufa-Lustspiel

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it Nicolai Kolin und Gustav Fröhlich

Manuskript: Julius Urgiss und Friedrich Raff nach der Komödie von Georg Kaiser ,, Der mutige Seefahrer''

Regie: Wilhelm Thiele ^ Prod. -Leitung: No6 Bloch

Das Ulieil der Presse:

. , . Geor<i Kaisers Komiidie ,,Dcr niuti<>c Seefahrer" erlebt damit die amüsanteste fil- mische Bcarbcitunis. Das Um und Auf, der Mittel- und Höhepunkt ist der famose Nicolai Koiin, der wieder von mitreißendster Ko- mik ist. Berliner Montagspost

. . . Von Nicolai Kolin in einer einzigen, grandiosen Charakterstudie vorgeführt. Wun- dervoll dieses zwischen List, Güte und Ver- schlagenheit rumorende Temperament . . . eine Leistung, die in ihrer epischen Dichte und Verflochtenheit die Tradition russischer Schauspielkunst genial weiterführt . . . ein vorbildliches Ensemble, aus dem sich das Brüderpaar Gülslorffs und A. Bondireff's überwältigend heraushebt. Montag Morgen

. . . Dieser Film ist unter einem guten Stern geboren, geht hin, seht ihn euch an.

Welt am Montag

. . . Ein Abend voller Laune und Heiter- keit, der vom Publikum mit dankbarem

Lachen quittiert wurde . . . Wilhelm Thiele, der Regisseur . . , beschwingt, leicht und spritzig und baut eine humorvolle, mensch- liche Komödie auf, die fesselt. Nicolai Kolin . . . ein liebenswerter Prachtmensch mit halb lustig blinzelnden, halb naiv schauenden Augen, ein etwas weltfremdes, gutmütiges, ewig grol3es Kind mit wirklichem, von innen- heraus quellendem, unaufdringlichem Humor, Eine glänzend gelungene Figur, an die man schmunzelnd zurückdenkt . . . Ganz großer Erfolg im Universum. Berliner Morgenpost

. . . Beifall, der am Schluß zum Orkan an- wächst, wie man ihn in solcher Einmütigkeit lange nicht mehr erlebt hat. Nicolai Kolin . . . ein ganzer Künstler, ein ganzer Mensch.

Neue Zeit

Nicolai Kolin als mutiger Seefahrer . . . das zu sehen ist unvergeßlich.

Neue P'eiißische Ztg.

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OUo Gebühr als Blücher im Emelka-Film „^äierloo"

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Oben und rechts: Clara Bow

Mitte: Der für die Aufnahmen erricii- teie Turm und das eigens für den Film gebaute dreimotorige Flugzeug

Unten: Richard

Arlen.CharlesRogers

(Aus dem Film

„Wings")

P/iol. Paramount

Dreiundzwanzi^ Kameraleute pholographicrlen die fjroßarligen Liiftszencn.

Die Herstellung von „Wings" erforderte die un- 'interbrochene Arbeit von fast zwei Jahren.

Ein vollständig eingerichtetes Laboratorium, in dem täglich mehr als dreitausend Meter Negativ- und Positivfilm zur Bearbeitung gelangen konnten, wurde während der Herstellung dieses Films in San Antonio in Texas erbaut. (Die Kopieranstalt der Ufa liefert täglich rund 80 000 Meter.)

Dreihundert Flugzeuge französische und amerikanische wirkten in diesem Film mit.

An vier räumlich weit von einander getrennten Schauplätzen wurden zu gleicher Zeit Szenen für „Wings" gedreht. Zwei Gruppen arbeiten bei San Antonio, achtzig Kilometer voneinander cnlfernl, eine unter der Führung des Regis- seurs William Wcllman, die andere unter dem künstlerischen Obcrleiter Lucien Hub- bard. Gleichzeitig machte in Hollywood in einer Entfernung von 2200 Kilometer Norman McLeod eine Anzahl Innenaufnahmen für ,, Wings", und Harry D'Abbadie D'Arrasl

pholographierte i'ariser Szenen.

Paris die typischen

deutsche, englische, \ Maschinen

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Oben rechts: Charles Rogers

Mitte: Vor dem Aufstieg

ten: Clara Bow,

rles Rogers, Clara

w, Richard Arien

Namhafte Kriegsflieger von vier Nationen wurden für wich tige Rollen in dem Fliegerfilm „Wings" ausgewählt. Unte ihnen befanden sich der Deutsche Carl von Hartmann der Amerikaner James Healy, der Franzose Pearsons un der Engländer S. C. Campbell. *

Von den 650 männlichen Komparsen, die in den Folies Bergere-Szenen von „Wings" mit- wirkten, waren 327 in Frankreich gewesen und kannten das berühmte Vergnügungslokal aus eigener Anschauung.

Charles Rogers und Richard Arien, die Träger der männlichen Hauptrollen in dem Fliegerfilm ,, Wings", verbrachten während der Aufnahmen der Kampfszenen 78 Stunden in der Luft.

Obwohl der Film mit staatlicher Unter- stützung hergestellt wurde das amerikani- sche Luitministerium stellte Flugzeuge, Luft- schiffe, Tanks, Kriegsmaterial, Soldaten zur Verfügung , beliefen sich die Kosten von „Wings" doch noch auf 1 Million 200 000 Dollar.

Der Fliegerfilm der Paramount ,, Wings" läuft seit dem L August 1927 vor täglicli ausverkauftem Hause im Criterion - Theater in New York und wird jetzt in Deutschland laufen.

Sie trifft des Morgens nie verspätet im Ate- lier ein Sic lächelt einen freundlichen Gruß an alle Arbeiter, welche bei ihren Aufnahmen beschäftigt sind vom Regisseur bis zum Elektriker und Laufjungen.

Sie sitzt nicht müßig umher und raucht lange Zigaretten auf noch längeren Zigarettenspitzen. Ich habe sie eigentlich noch nie rauchen ge- sehen.

Sie ist nicht übertrieben temperamentvoll.

Wer sie ist? Sie ist Baclanova, früher Schau- spielerin am Moskauer Künstlertheater und jetziger Flimmerstar in Hollywood.

Baclanova ist fabelhaft interessant. Ob- wohl sie ihr Temperament ihren Mitarbeitern gegenüber im /^aum hält, vergleicht man die Russin häufig mit einem Vulkan, welcher einem Ausbruch nahe ist. Sic ist voll von nervöser Energie dynamisch. Sie kann mit dem besten Willen nicht länger als einen Augen- blick stillesitzen.

Nur manchmal packt es sie. Dann sitzt sie stundenlang auf ein und demselben Fleck und hört kaum, was ihr gesagt wird, sondern starrt abwesend ins Weite.

Doch diese Stimmungen kommen nur äußerst selten vor. Man findet Baclanova meistens lebendig, gespannt und sprungbereit, wie ein edles Vollblut, das auf das Fallen der Barriere wartet.

Die Schranke fällt, wenn die Aufnahme be- ginnt. Sie stürzt sich, sich selbst vergessend, mit ungeheurem Feuer in ihre Rolle. Nach Beendigung ihrer Szene ist sie oft gänzlich erschöpft, aber ihre Kräfte, sich in kürzester Zeit wieder zu sammeln, sind ungeheuer.

An seltenen Anlässen, wenn Baclanova grü- belt, ist sie unergründlich. Sic selbst weiß nicht einmal, was sie sieht, wenn ihre blau- grauen Augen unbeweglich in die Ferne schwei- fen. Eine unglaublich große Schwermut scheint ihre Seele dann zu befallen schwarz und un- durchdringlich. Vielleicht ist es ein Erbe ihrer Vorfahren, die in den düsteren Steppen Nord- rußlands einen zähen Kampf ums Dasein führten? . . .

Nur eins kann Baclanovas schwarze Wolken- wand durchbrechen, und zwar das Wort des Regisseurs. Wenn Baclanova vor die Kamera gerufen wird, wirft sie ihre düsteren Gedanken gleich einem schwarzen Mantel von sich.

Niemand und nichts anderes kann sie aus dieser schwermütigen Stimmung in die Wirk- lichkeit zurückrufen. Ein zerstreutes Lächeln und einsilbige Antworten sind ihre einzige Er- widerung. Baclanova ist aber niemals unhöf- lich, denn sie ist vor allem anderen ein sehr freundliches Menschenkind.

Die amerikanische Arbeitsweise jigefällt Baclanova sehr gut,

Sic erzählte mir: „Ich arbeite gar zu gern an Filmen, bei wel- chen alle Mitarbeitenden, ganz gleich ob Star, Komparse oder Techniker, Freunde sind und wo es keinen unheimlich großen Star gibt" (sie hob ihre Hände weit über ihren Kopf empor, um die Größe des Stars anzudeuten) ,,und eine Menge winziger Darsteller" (die- ses Mal illustrierte sie ihre Rede, indem sie sich fast bis auf den Fußboden beugte).

Baclanova liebt die Wahrheit über alles. ,,Das", sagte sie mir, „kommt von meiner Ausbildung am Moskauer Künstler-Theater.

Das Motto dieses Theaters ist CS, Wahrheit durch Konzentration zu erzielen. Ein Teil meines Stu- diums bestand darin, allein in einem Zimmerchen zu sitzen und mich auf eine bestimmte Gemüts- bewegung zu konzentrieren, bis ich diese zur vollkommenen Zu- friedenheit meiner Lehrer porträ- tieren konnte. Um dieses Ziel zu erreichen, mußte ich meine Rolle fühlen, ich mußte sie in der gan- zen Tiefe meines Wesens erleben." Erst vor kurzem legte die Ba- |clanova eine treffende Probe ihrer Liebe für Natürlichkeit ab. Der ""Regisseur befahl ihr, unordentlich und schmutzig auszusehen, gerade so, als ob sie auf der Straße ge- legen habe.

Sie nickte, blickte blitzschnell um sich, bückte sich und schabte so viel Schmutz vom Fußboden des Glashauses zusammen, wie sie nur konnte, und beschmierte ihr Kleid damit. Dieses wiederholte sie einige Male und besah sich darauf im Spiegel. Aber sie war mit ihrem Aussehen noch nicht zufrieden. Da legte sie sich der Länge nach auf den Fußboden und rollte sich im Staube. Dann stand sie auf, schmierte etwas Farbe auf Wangen und Stirn und zerriß ihren Strumpf. Als sie sich darauf im Spiegel betrach- tete, waren sie und auch der Re- gisseur zufrieden.

Baclanova hat keine kompli- zierte Philosophie und Regeln wie anchc Filmschauspielerinncn, die ren Schwestern mitteilen, wie an im Film erfolgreich sein ann. Neue Erfahrungen spornen ie an und erfreuen sie.

Ihr Wahlspruch ist: ,,Man muß leben, um verstehen zu können! '

*

viel größere Mittel zur Verfügung als bei uns in Deutschland.

Die beiden berühmten Seeschlachten, die zu den größten Szenen des Films gehören, wurden in Kali- fornien gedreht, und zwar Abukir und Trafalgar hintereinander am gleichen Ort, während sie im Bild natürlich vollständig voneinander getrennt sind. Die Schiffe sind genau nach alten Modellen ge- arbeitet, aber in ihrer natürlichen Größe rekon- struiert. Die Masten ragen bis 35 Meter Höhe zum Himmel, und die Bordseiten, kanonenbe- wehrt, reichen bis zu 15 Meter Höhe über den Wasserspiegel.

lieber 800 Komparsen wohnten eine Reihe von Tagen am Strand von Catalina, und für alle diese Männer mußten Uniformen der briti- schen Matrosen aus der Zeit des 18. Jahrhun- derts hergestellt werden.

Für die ,,Lady Hamilton" wählte man Co- rinne Griffith aus. Den Lord Nelson übergab man Victor Varconi, weil selbstverständlich im amerikanischen Film dieser Held der Liebes-

Liebesgeschichten der wun- dervollen Frau und des be- rühmten Seefahrers sind Gegenstand vieler Romane und ernster kulturhisto- rischer Bücher gewesen, so daß es klar war, daß den Film immer wieder dieser Stoff gereizt hat.

In der Nachkriegszeit griff zuerst Richard Os- wald hier in Deutschland diesen Stoff auf. Er machte daraus einen Großfilm, der sich aber im Ausmaß nicht mit dem messen kann, was jetzt Amerika darbietet.

Ganz abgesehen davon, daß die Technik in- zwischen rapid weiterge- gangen ist, stehen den Filmfabrikanten in Hol- lywood im allgemeinen

i^cschichle ein scliöncr Mann sein muß, etwas, das man vom historischen Lord Nelson nur bedingt sagen rconntc.

Ucberhaupt hätte derjenige, der als Zuschauer den Aufnahmen beiwohnte, mancherlei historisch amü- sante Dinge sehen können.

So wurden die drei großen Schlachtschiffe, die an sich durch Segel fortbewegt wurden, außerdem noch von kleinen Schleppern gezogen, damit der Wind die Schlachtflottc nicht von der Richtung abtrieb, die vorher festgelegt war, um 20 Ope- rateuren bestimmt die Möglichkeit zu geben, den grandiosen aber auch kostspieligen Kampf im Bild festzuhalten.

Wenn man nun noch hört, daß neben diesen großen Kampfszenen prächtige Bilder von Volksfesten in London, am Golf von Neapel, der große Einzug Nelsons in die britische Hauptstadt mit einem Menschenaufwand von 2000 Personen für die ,, Ungekrönte Königin" verwendet wurden, so kann man verstehen, daß die amerikanische Herstellungsfirma dieses

Links: Corinne Griff ith

Recfiis: Victor Varconi

Unten: Marie Dressler, Corinne Griff ith

historische Erzeugnis als das beste Bild des Jahres be- zeichnet und daß sie glaubt, es würdig dem berühmten ,,Ben-Hur"-Film an die Seite stellen zu können. Wenn die „Ungekrönte Königin" auch nicht die Aufnahme- dauer beanspruchte wie ,,Ben Hur" (für diesen Film mußten bekanntlich die Aufnahmen, für die eine Expedition nach Italien ausgerüstet war, in Hollywood wiederholt wer- den), so stellen 200 Auf- nahmetage immerhin einen Zeitraum dar, der auf die Größe, den Umfang und die Qualität eines Films den be- rechtigten Schluß zuläßt, daß CS sich hier wirklich um einen in jedem Sinne ,, großen" Film handelt.

Wenn man jetzt im Ufa-Atelier Tempelhof einem Herrn in den besten Jahren begegnet, dessen Gesicht ebenso unverkennbar englisch zugeschnitten ist wie sein Anzug und dessen lange Zigarettenspitze nicht minder berühmt ist als seine Romane, so hat man Edgar Wallace vor sich. Die lite- rarische Karriere dieses Mannes ist ohne Vorbild, denn er be- gann erst vor sechs Jahren zu schreiben, und doch zählen seine Romane bereits über 100 Bände, die Zahl seiner Theaterstücke geht in die Dutzende, und Edgar Wallace ist außerdem noch Theater- und Sportkritiker sowie Sachverständiger für Hunde- rennen. Es nimmt wunder, daß ihm überhaupt noch die nötige Zeit zum Besuche eines Filmateliers bleibt, aber das eigentliche Element im Wesen dieses Schriftstellers ist das unerschütterliche angelsächsische Phlegma, das sich allen Situationen gewachsen zeigt und das Edgar Wallace mit seinem Hut im Arbeitszimmer ablegt. Friedrich Zelnik verfilmt einen der vielen Romane, den ,, Roten Kreis", dieses Weltautors, dem man es auf das Wort glauben darf, wenn er erklärt, daß er sich an den vor etwa vier Jahren geschriebenen Roman nicht mehr erinnern könnte. Es würde ihm auch schwer fallen, aus der eben aufgebauten Deko- ration, die einen Ballsaal mit Karnevalstreiben zeigt, auf ein Kapitel seines Romanes zu schließen, denn diese Szene kommt

ist

im Buch gar nicht vor. Sie ist nur für den Film erfunden j worden, um ein belebendes Element hineinzubringen,

Edgar Wallace, der englische Bühnen- und Filmverhältnisse genau kennt und der augenblicklich in Berlin weilt, um eines seiner reißerischen Bühnenstücke einzustudieren, lobt die deutsche Filmarbeit, weil ihm das eifrige Arbeitstempo in den Glashäusern behagt und er die präzise Arbeit des Regisseurs zu würdigen versteht. Ein Routinier wie Friedrich Zelnik kann einen Außen- stehenden natürlich schnell in das Wesen der deutschen Auf- nahmetechnik einführen. In einem Zelnikfilm versteht es sich na- türlich von selbst, daß die Hauptrolle von Lya Mara dargestellt wird. Dieser Liebling des Publikums hat diesmal eine besondere Überraschung vorbereitet, Lya Mara erscheint nämlich auf dem Maskenball als Chiromanlin, als Anhängerin der Handlesekunst, die aus den Linien der Handfläche das Schicksal deutet. Für diesen Zweck hat sie sich in ein indisch-chinesisches Kostüm geworfen und sogar eine glatte schwarze Perücke aufgestülpt, so daß man im ersten Augenblick verblüfft über diese Handlung ist und an Anna May Wong erinnert wird. Aber Lya Maras Lachen hat nichts Orientalisches an sich, sondern ist höchst lebendig europäisch. Lya Mara bleibt eben auch unter der Maske Lya Mara,

Buster Keaton kontrolliert ein Baseballspiel durchs Radio

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vftÄ &il Sie. ERKENNEN

VON MAR/ ANNE RASCH IG

Die Hand :tls das Meisterwerk der Schöpfunj« steht in ihrer vollendeten Zweckmäßijjkeit unübertroffen da. Die Natur verlieh offenbar dem Menschen dieses {Genialste Gebilde seines Korpers zum ausdrück- lichen Zeichen dafür, daß er die höchste Entwicklunj^s- stufe unter den Lebewesen zu erreichen bcfahij^t ist. Dieses ,,0r}5an der OrjSanc", wie Aristoteles schon die Hand benannt hat, läßt in crhöhterem Maße wie andere Körperteile eine Erkennunj« und Beurteilun<J unserer Wesensart, unserer Kräfte und Schwächen, unserer Wünsche und Ziele zu.

Das ^ilt nicht nur von der Form der Außenhand, der Glicderun<5 der Fini^cr, sondern mehr noch von der Innen- hand und ihrem je nach Empfindun<^en und Fortschritt veränderlichen bedeutunj^svollen Liniennetz, Sobald man sich mit diesem Spiegelbild unseres Innern näher beschäf- tij^t, erkennt man den Wert einer Handlesekunst, der Chiroloj^ic, wie sie heute von Wust und Schlacken mit- telalterlicher Phantasterei befreit ausj^eübt wird, als vollberechtij^t und notwendi;! zur Diagnostizierunii und DifferenzierunjJ unserer Wesenskräfte an.

Künstlerische Beschäftigunjjen zumal sind imstande, die Hand zu einem Orj^an von fast transzendenter Schönheit zu gestalten, da freiwerdende Fluide die Hand zu ver-

jjeisti^en verm()j«en. Das wird ;4erade während der künst- lerischen Betätij^unj4 des Schauspielers dem Auj^e des For- schers sichtbar. Ich beobachtete häufig, daß das Linien- gebilde 8^nz anders während resp. kurz nach einem er-

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schütternden Spiel wirkt, als im Ruhestande, wenn sich jrei auch Reste dieser Erschütterung erhalten und oft zum lEii dauernden Bestandteil werden. Daher ist die Hand des j I Schauspielers, die mitspielt auf der Bühne und im Film.jjliel ein so wundersames Forschungsobjekt, das besondere Auf- lau! Schlüsse über Eigenart ihres Besitzers gibt. In dieseml am

Artikel werden zunächst die Hände von sechs bekannten Filmkünstlern besprochen, die bis auf Hand sechs typisch amerikanischen und deutsch-amerikanischen Einschlagli Lin aufweisen, j bcs

1. Emil Jannings' Hand, breit, wuchtig, voll, mitjlscli eigenartig schwungvollen Linien ausgestattet, zeigt dicjj Das ganze große Gestaltungskraft dieses zum Deutsch-Ameri- link kaner gewordenen Schauspielers, der schon fest ver- en wurzelt in seinem neuen Lande dennoch mit sehnsüchi, satz tigem Tränenauge zur alten Heimat hinschielt. Von seineiJTjew Handaufnahme ist mir besonders in Erinnerung gebliebeni keni die wahrhaft intensive Anteilnahme seines schönen Airelj D dale-Hundes, der mit beiden Pfoten auf dem Tisch und) Taj, glänzenden Augen der erstaunlichen und ihm gänzlich Ha unbekannten Prozedur des Anschwärzens der Hände zu Bil

sah und besorgt darüber wachte, daß seinem „Herrchen" nichts Böses widerfuhr.

Im Handinnern sieht man als besonders interessant die starkgeschwungene und eigenartig verbogene Herzlinie (obere Linie), besser ,,Zirk.ulationslinie" benannt, die hier starkes Empfindungsleben und motorische Kraft andeutet. Auf ihr entspringt, zum Ringfinger gehend, aber auch un- terhalb der Herzlinie Wurzeln schlagend, eine doppelte, starke Kunstlinie, dae bis in die Wurzel des Ringfingers reicht und das Maß der künstlerischen Gestaltungsfähig- keit verrät. Die sackartige Ausbuchtung unterhalb des kleinen Fingers weist auf den entwickelten Sinn für Komik und Humor hin, das lange schmalgezogene Schrägkreuz unter dem Mittelfinger auf Sensitivität und Intuition, wäh- rend die hohen Berge der Hand auf Beobachtungsgabe, 1 Eindrucksfähigkeit und künstlerischen Schwung hindeuten. Conrad Veidt, den Dämonisches gestaltenden lieben Kerl, nahm ich im Efa-Atelier kurz nach einer sehr anstrengenden, tiefschürfenden Rolle auf, deren Spuren jauch noch im Handabdruck zu finden sind. Noch ist die Hand, die eifrig mitgespielt hat, sehr erschüttert, wenn auch die Schreckensgebilde bereits abreagiert sind. Die Linien sind in Schwingungen geraten und stark markiert, besonders die Herzlinie sieht wie gespalten aus; doch schon ringt sich die ursprüngliche Klarheit wieder durch. ^ Das Liniennetz ist nämlich verhältnismäßig einfach, klar, unkompliziert, alle komplizierteren Empfindungen reagiert er restlos im Spiel ab. Seine Hand erscheint im Gegen- satz zu Gesicht und Figur, breit ausladend, wuchtig, eine I gewisse Ähnlichkeit mit Emil Jannings' Hand ist unver- ( I kennbar.

Douglas Fairbanks Mary Pickford. Eines

1 1 Tages kam ich zufällig ins Hotel Adlon, um die Hand von

l[lf. Hans Albers aufzunehmen. In der ,, Halle" das bekannte

Bild eines großen Empfanges, eine Gruppe als Kern, um-

geben von Journalisten mit gezücktem Bleistift, Zeichner, Photographen mit aufgestellter Kamera. Aus dem ,,Kcrn ' löste sich plötzlich ein Herr, kam auf mich zu und zog mich, gemütlich unter den Arm hakend, zum Fahrstuhl hin: ,,0o, Missis Raschig, your nome is wellknown all around the world, comc with me to Mary Pickford." Als wir oben den Fahrstuhl verließen, wollte Mary Pickford mit ihrer Mutter gerade nach unten fahren und sagte: ,,0oo, that's very fine, what you do, readings hands and making horoscopes. You must be my teacher."

Mir kam das Ganze etwas unwahrscheinlich, so wie ein Traumerleben, vor, bis ich von Fairbanks hörte, daß eine amerikanische Reporterin Miß Carr, die mich vor kurzem in Goslar bei Kathinka v, Oheimb näher kennengelernt hatte und die auch beim Empfang in der ,, Halle" zugegen war, bei meinem Eintritt auf mich aufmerksam gemacht hatte. Das damals im Beginn seiner europäischen Berühmt- heit stehende Starehepaar lud mich dann zum Pressetee am nächsten Tag ins ,, Adlon" ein und ich las nach dem Tee beider Hände, auch die Schwiegermutter kam an die Reihe.

Douglas, der Große, zeigt in seiner breiten Hand tiefe, wohlgeformte Linien, von denen die Herzlinie beson- ders markiert und zerklüftet ist. Die Kopflinic (mittlere Querlinie) ist in seiner Hand sehr lang, wie auch in der von Mary Pickford und zeigt den hohen Grad von Intelligenz, der beiden bei ihren Darbietungen zu Gebote steht. Vieles ist bei ihnen ,, Kopfarbeit", was bei unseren Deutsch-Amerikanern aus Gemüt und Gefühl geboren wurde. Selbst das Schrägkreuz ist in Fairbanks' Hand auf

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Henny Porten, ein ganz anderer, rein deutscher Typ, zeigt auch in ihrer Hand, deren feste, frauliche, ver- trauenheischende Form angenehm auffällt, diesen deut- schen, ich möchte sagen schulmeisterlichen Typ. Ich nahm sie in einem seltsamen Milieu auf, eine Nachtaufnahme im Freien, in fliegender Eile. Doch kam ich auch später, am ruhigeren Ort der Efa, nicht mehr dazu, ihr das Cha- rakteristische ihrer Hände, die Schicksalsrunen, zu ver- dolmetschen, da ihr Gatte bei ihrer (oder seiner?) Ner- visität dagegen Bedenken hatte (vielleicht auch aus an- deren persönlichen Gründen).

Ihre Hand ist außerordentlich klar und rein gezeichnet, die Hauptlinien schwungvoll, leuchtend, die vielen kleiner Nebenlinien gleich feinen Blumenranken oder Arabesken gezeichnet, das Ganze wie eine Federzeichnung von Mei- sterhand. Die Kunstlinie reichverästelt und vielgestaltig, Sinn für Komik und Humor ist durch die hüpfenden Ge- stalten unter dem kleinen Finger (Merkurberg) angezeigt. Unter dem Mittelfinger sind mehrere Schrägkreuze inein- ander verwoben (Intuition, Einbildungskraft, Mystizismus). Die Kopflinie senkt sich stark, in breiter Gabelung, was auf schnelle Depressionszuslände hindeutet. Die Hin- neigung des Ringfingers zum Mittelfinger verrät Anleh- nungsbedürfnis in der Kunst, sei es auch nur an die selbst- kreierten Rollen, der weite Abstand des kleinen Fingers dagegen das Streben nach Selbständigkeit und Disposi- tionskraft.

Der Umfang eines Artikels läßt es nicht zu, noch aus- führlicher zu werden, sonst würden ähnliche Handverglei- chungen wie diese zwischen amerikanischen und deutschen Filmkünstlern auch zwischen Filmregisseuren und ihren hauptsächlichsten Filmkünstlern, interessante Einblicke in das Innere mittelst der menschlichen Hand geben. Als Schluß möchte ich wie Peter Eyppner ,, Tiere sehen dich an" sagen: ,, Hände sehen dich an, nur mußt du dir die Mühe nehmen, ihre Sprache verstehen zu lernen."

dem Ende der Kopflinie angebracht, wo es auch in Marys Hand zu sehen ist, hier allerdings umgeben und verfloch- ten von zahlreichen wellenförmigen Reiselinien. Ihre zierliche Hand, winzig, feingliedrig, kindhaft, ist doch fest im Zugreifen und Gestalten, wie sie es auch ihren Filmen gegenüber ist. Sie verrät besonders gutes Dispositions- und Organisationstalent (langgestreckter kleiner Finger, gerader Daumen) und große geschäftliche Tüchtigkeit.

Lya de Putti, das ganz zur Amerikanerin gewordene zarte, quecksilbrige Geschöpfchen voll unberechenbarer Einfälle, nahm ich kurze Zeit vor ihrem ,, Sprung aus dem Parterrefenster" auf. Ich warnte sie vor allzu intensiven Entschlüssen, vor Extravaganzen, doch war es mir mehr als fraglich, ob ihr bewegliches Gehirnchen überhaupt solche Warnung registrieren würde, da alles bei ihr von Augenblicksregungen abhängt. Ihre Hand mutet seltsam an, alles erscheint zusammengedrängt, die Finger fügen sich eng, fast ohne Zwischenräume, aneinander, nur der kleine Finger wird etwas abgespreizt hingelegt, ihre Hin- neigung zu plötzlichen, unaufhaltsamen durchgeführten Entschlüssen und Entscheidungen. Die Linien leuchten klar aus der Hand hervor, die Kopflinie ist sehr lang und gerade, ein weitcntwickelter Intellekt ohne große Phan- tasiebeschwerung. Was uns in diesem Künstlerschicksal phantastisch anmutet, muß ganz anders gewertet und er- klärt werden. Die Kunstlinie steht wie ein feiner, langer Strich zur Mitte des Ringfingers gereckt in der Hand und verrät großes Darstellungstalent und Kunstverständnis.

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Ernst Matray und Kalla Slerna im Spieheugballetl. „Universum" am Lehnincr Platz

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ROMAN VON HANS SCHULZE

4. forisetzniiji

Ein Rotschwänzchenpaar hatte über einem Türpfosten sein Nest gebaut, so niedri;', daß er den Jungen fast in die Hälse schauen konnte, die dies zirpende KinderUonzcrt so rührend- fein anstimmten.

Ein Gefühl wehmütiger Zärtlichkeit zog leise durch sein Herz, doch schon im nächsten Augenblick .hatte er die weiche Regung wieder überwunden.

„Bestellen Sie der gnädigen Frau," befahl er dem Diener, „daß ich sie abends zur Stadt abholen werde. Ich werde für die Premiere im Westendtheater Karten besorgen lassen!"

V.

Evelyn saß vor dem großen Ankleidespiegel ihres reseda- farbenen Toilettenzimmers und massierte mit einem Kugelappa- rat ihr schmales, überwachtes Gesicht, in dessen geisterhafter Blässe eine steile Stirnfalte einen tiefen Schatten hineintuschle.

Ihre jüngere Schwester Lora lag auf dem Eisbärfell eines breiten Ruhebettes und balancierte ein Tennisrakett auf den Spitzen ihrer Füße.

Sie war nachmittags auf einem Tennisturnier in Grunewald gewesen und berichtete mit der ganzen Lebhaftigkeit ihrer siebzehn Jahre von den Toilettenwundern des mondänen Da- menpublikums und den Eroberungen, die sie selbst unter den internationalen Matadoren des Tennissports gemacht zu haben glaubte,

Sie war ein wenig brünetter als die lichtblonde Evelyn; aus

ijihren lachenden Augen sprach eine sprühende Lustigkeit und die

luinbekümmsrt-heitere Lebensauffassung ihres Vaters, dessen er-

lärter Liebling sie von jeher gewesen war.

Eine seltsame Erstarrung lag über ihrem ganzen Wesen,

daß sie sich nur mit Mühe zur äußerlichen Aufmerksamkeit zu

zwingen vermochte.

Seit jenem furchtbaren Augenblick, da sie aus der Villa in er Albrechtstraße zum Bahnhof geflüchtet war, hatte sie keine uhe mehr gefunden.

In zitternder Angst hafte sie den ganzen Abend über auf die Rückkelir ihres Mannes gewartet und um Mitternacht end- lich die Tür ihres Schlafzimmers mit einem schweren Möbel- stück fest verbarrikadiert.

Doch, all ihre Furcht und Sorge war umsonst gewesen: Der Gatte war nicht nach Hause gekommen und auch am anderen Tage unter einer belanglosen Entschuldigung von Wannsee fern- geblieben.

Was war geschehen?

Der Fernsprecher schwieg beharrlich.

Weder hatte Kurt, wie er versprochen, an jenem Unglücks- abend noch einmal bei ihr angerufen, nocli war in der Folgezeit eine briefliche oder telcphonischc Verbindung mit ihm zu er- reichen gewesen.

Auch Walter v. Prayer, zu dem sie in ihrer Not endlich auf eine Viertelstunde hinübergehuscht war, hatte ihr keine Aus- kunft geben können.

War Kurt einem Unglück, einem Verbrechen zum Opfer ge- fallen? Und was bedeutete dieser seltsame Theaterbesuch, wenn es zwischen den beiden Männern vielleicht zu einem Zusammen- stoß gekommen war, der auch für sie nur den Auftakt zu einer furchtbaren Katastrophe bilden konnte.

Jetzt trat die Zofe leise herein.

,,Der Herr Generaldirektor ist im Haus", sagte sie, ,,und kleidet sich bereits zum Theater um!"

Evelyn nickte.

Die Kehle war ihr wie zugeschnürt.

Auf einmal graute ihr wieder vor dem ersten Zusammen- treffen mit dem Gatten, das sie doch den ganzen Tag über fast herbeigesehnt hatte, um der kaum mehr erträglichen Marter der Ungewißheit ein Ende zu machen.

Willenlos, mit bleischweren Gliedern, ließ sie sich das kost- bare Goldlamckleid überstreifen und legte als einzigen Schmuck eine schmale Perlenkette um den schlanken Hals,

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„Komm, Lore," sagte sie dann, ihren ganzen Mut zusammen- nehmend. ,,Ich muß eilen es ist bereits halb acht vorbei!"

Draußen in der großen Halle mit den florentinischen Säulen wartete der Gatte schon.

Er war ruhig und ernst wie immer. Kein Zug in seinem undurchdringlichen Gesicht verriet etwas von einer tieferen seelischen Erregung.

Er begrüßte die Damen mit seiner stets gleichen, ein wenig farblosen Höflichkeit und sprach zu Lore ein paar bedauernde Worte, daß er versäumt habe, auch für sie eine Karte zum Theater besorgen zu lassen.

Dann bot er Evelyn den Arm und geleitete sie über die breite Freitreppe mit den am Geländer herabschreitenden Löwen zum Auto.

Als Kurt und Walter v. Prayer vor der Säulcnfront des Westendtheaters vorfuhren, war der Beginn der Vorstellung schon nahe herangerückt, aber noch immer strömten diclite Menschenscharer an der endlosen Auffahrt der Automobile dem grellerleuchteten Marmorportal der Eingangshalle zu.

Ein Summen wie von einem Bienenschwarm ging durch das ganze große Haus, das sich mit seinem ragenden Turmaufbau wie eine dunkle drohende Masse in das warme Grünblau des sinkenden Maiabends emporreckte.

Im Parkett des riesigen Zuschauerraumes ein ewiges Aufstehen und Sichsetzen, ein ununterbrochenes Grüßen und Winken, ein Gewühl und Gewoge von Köpfen und Lichtern.

Jetzt das erste Gongzeichen.

Erwartungsvoll lehnte sich alles in den Stühlen zurück; die Theaterzettel, die nur ganz unpersönlich drei handelnde Personen als „den Mann", „die Frau" und ,,den Dichter" verzeichneten, wurden zurechtgelegt.

Noch einmal und ein letztes Mal die dumpfen, hallenden Töne des mahnenden Gongs.

Der strahlende Lichlerglanz in der Deckenkrone erlosch, und der schwere Brokatvorhang teilte sich lautlos auseinander.

Kurt hatte sich bereits in der Vorhalle des Theaters von Walter verabschiedet und sich von dem Rundgang des Parketts aus durch eine Geheimtür sogleich hinter die Bühne begeben.

Auf einmal war er wieder völlig gleichgültig gegen das Schick- sal seines Werkes, auf das er bisher die ganze Hoffnung seines Lebens gesetzt hatte.

Auch die entrüsteten Vorwürfe, mit denen er im Direkfor- zimmer empfangen wurde, ließen ihn gänzlich unberührt; einzig dem Oberregisseur, dessen künstlerischen Ernst und hingebenden Eifer er in der Kleinarbeit der Proben besonders schätzen ge- lernt halte, sagte er ein paar entschuldigende Worte.

Dann stand er neben dem Feuerwehrmann in einer Sciten- kulisse und schaute klopfenden Herzens in den Ring des Zu- schauerraumes,

Er konnte von seinem Versteck aus gerade die ersten Reihen der Parkettbesucher überblicken, deren Gesichter und Hände sich wie zahllose weiße Flecken aus dem feierlichen Dämmer des Theaters undeutlich abhoben.

Ob sich auch Evelyn unter jenen Menschen befand, deren Atem in einem einzigen verschwebenden Laut zur Bühne herauf- wehte?

Mit bohrenden Blicken suchte er die Mauern der stummen Gestalten zu durchdringen, und wie eine glühende Kette riß wieder die Sehnsucht an seinem Herzen, Evelyn noch ein letztes Mal zu sehen und zu sprechen, ehe sich mit dem Ablauf dieser furchtbaren Nacht auch sein Schicksal vollendete.

Auf der Bühne hatte unterdes der erste Akt seinen Anfang genommen.

Man sah in die mattcricuchtetc Diele einer vornehmen Park- villa.

Das Ehepaar war mit dem Dichter in später Nachtstunde soeben von einem Sommerfest heimgekommen, die junge Frau noch in einem bunten Phantasiekostüm, die Herren im Frack und Domino.

Die joviale Stimme des Ehemannes erfüllte das ganze Theater mit lärmender Lustigkeit.

Er nötigte seinen späten Gast in einen Klubsessel am Kamin. holte Kognak und Liköre, bot Zigarren vmd Zigaretten an und schaltete ein elektrisches Grammophon ein, ein gutmütiger Bär, saftig und lebensvoll, eine ganz der Wirklichkeit abgelauschte Figur.

In heiterem Wortgeplänkel flog der Dialog hin und her und gab in zwangloser Form die einfache, sogleich zutage liegende Vorgeschichte.

Der Gatte, ein reicher Fabrikant aus der Webindustrie, der sich in schon stark vorgerückten Jahren die schöne Tochter einer mittellosen Beamtenfamilie in sein üppiges Haus geholt hatte.

Die junge Frau, ein feines, stilles, aus lauter Zartheiten zu- sammengesetztes Wesen, gespielt von einer genialen Schau- spielerin, die erst im letzten Winter als Stern erster Größe am Berliner Kunsthimmel aufgegangen war und in einer einzigen Saison die ganze Reichshauptstadt in ihren Bann gezogen- hatte. Drei Jahre lang war die Ehe dieser beiden so ungleichen Menschen im eintönigen Trott des Alltags ereignislos dahin- gegangen.

Bis die weltfremde junge Frau eines Tages wie aus einem Traum zur Wirklichkeit erwacht war, an jenem Schicksalsabend, da sie den Dichter auf einer Gesellschaft getroffen hatte und mit dieser Begegnung ihr ganzes Leben auf einmal auf einen völlig neuen Grund gestellt worden war.

Mit allerzartesten Händen, mit feinstem Mitempfinden und heiliger Begeisterung war das Geheimnis dieser Liebe dem eigenen Erleben nachgeschaffen worden.

Wundervoll, wie sich in Rede und Gegenrede, im Spiel der Augen, in einem schüchternen Lächeln das tiefe Gefühl dieser einander unrettbar verfallenen Menschen offenbarte, indes der Gatte, ganz selbstherrliche Besitzerfreude mit der Ahnungslosig keit des am nächsten Beteiligten, trinkend und rauchend in' breiter Behäbigkeit, zwischen ihnen saß.

Die Rolle des Dichters war einem gefeierten jungen Schau Spieler anvertraut worden, dem Liebling des westlichen Berlins, der sich mit seiner sieghaften Blondheit und dem weichen Ton- fall seiner betörenden Stimme schon zahllose Frauenherzen er- obert hatte, ein unbekümmerter Bejaher des Lebens, dessen leichter, federnder Schritt selbst unter der Last eines tragischen Schicksals nicht schwerer und wuchtiger wurde.

Mit liebenswürdiger Ueberlegenheit behandelte er den um zwanzig Jahre älteren Gatten, der seine Frau jetzt mit täppischer Zärtlichkeit auf seinen Schoß gezogen hatte und nur durch ironische Abwehr und geschicktes Ausweichen immer wieder da- von abgehalten werden konnte, allerlei kleine Intimitäten aus seinem Eheleben zum besten zu geben.

Als er dann mit dem Eigensinn der leise einsetzenden Trun- kenheit darauf bestand, daß man zur Feier des Tages unbedingt noch einer Flasche Sekt den Hals brechen müsse, und schwan- Ivcnden Schritts die Szene verließ, um persönlich in den Keller hinabzusteigen, brach die mühsam gewahrte Fassung der jungen Frau plötzlich zusammen.

In einem kurzen, leidenschaftlichen Bekenntnis riß sie die letzte Hülle von ihrer Seele, wie sie aus der Knechtschaft dieser Geldehe in ein reineres, freies Menschentum hinausverlange, gab sie das Drama ihres Lebens bis zum bitteren Ende rückhaltlos preis.

Sie war bei diesen Worten von ihrem Sessel aufgesprungen und lehnte sich schweratmend gegen den Kamin.

Auch der Dichter hatte sich erhoben und war ganz nahe zuz ihr herangetreten.

Wie in einem unentrinnbaren Zwange neigten sich die beiden heißen Gesichter einander langsam entgegen.

Für die Dauer eines Augenblicks schienen sich die sehn- füchlig geöffneten Lippen zu berühren. Da knarrte eine Tür. Die Liebenden schreckten auseinander

Im Hintergrund der Bühne stand der Gatte breitmassig, drohend, unter jedem Arm eine goldgekapsellc Flasche. Hatte er etwas bemerkt?

Die Spannung auf der Szene war mit gleicher Gewalt auf dicj Zuschauer übergesprungen, die mit verhaltenem Atem den Ein i tritt des Ehemannes beobachtet hatten.

Der kam jetzt langsam, mit der Sicherheit plötzlicher Erl nüchterung, ganz nach vorn an die Rampe.

Alles Blut schien aus seinem Gesicht gewichen zu sein. Mit einer seltsam heiseren und doch bis in die letzte Par^i^ kellreihe klar verständlichen Stimme sagte er mühsam zwischci den Zähnen:

,,Ich glaube, Herr Doktor, es ist besser, Sie verlassen mei Haus."

Walter v. Prayer hatte auf der Fahrt zum Theater noc einmal versucht, vorsichtig tastend in Kurts Vertrauen einzi

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Aller Menschen Wunsch ist - glücklid)

zu sein!

Glücklich ist - v^er dem Elend wehrl und den Funken der Hoffnung in trau- rigen Augen schaut -!

Glöcklidi ist - wer Kindern beschert - Aus Spielzeug und Tand eine Welt des Glückes erbaut!

Glücklich ist - \v^er einen Herzschlag lang Liehe erv^achen sieht - süß und bang!

Glücklich ist nur - der Glück verschenkt! Und nicht an sich - nur an andere denkt!

Aller Menschen Wunsch ist - glücklich zu sein!

Ist das so schwer?! - Idi glaube: nein!

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drinfjen, vor seiner cinsilbig-abwehrenden Verschlossenheit sein Vorhaben endlich aber wieder aufgejjeben.

Er fühlte unwillkürlich, daß der Freund halt- und hilflos einer schweren Katastrophe zutrieb, und er zweifelte ebenso- wenig, daß diese von ihm schon länjjst befürchtete Katastrophe einzi<i und allein in dem Verhältnis Kurts zu Evelyn Karr ihre Ursache haben konnte.

Als sich der Vorhang unter dem einmütitjen Beifall des Publikums über dem ersten Akt «sesenkt halte, beschloß er daher, nach dem Fehlschla<5 bei Kurt das Feld auf der Gegenseite zu sondieren und den Karrs, die er schon vor Bejjinn der Vor- stellung vom Parkett aus begrüßt hatte, während der Pause in ihrer Loge einen kurzen Besuch abzustatten.

Er wurde mit gewohnter Freundlichkeit begrüßt. Vor allem Evelyn bemühte sich, möglichst unbefangen und heiter zu er- scheinen; dem erfahrenen Psychologen war es jedoch im ersten Augenblick klar, daß zwischen den Eheleuten ein tiefgehender Konflikt bestand, der ihm gewissermaßen die rätselhafte Ver- störtheit Kurts widerzuspie- geln schien.

Als er dann selbst zu einem Vorstoß überging und Karr durch ein paar direkte Fra- gen nach seiner Mei/iung über i den Autor und sein Werk aus seiner Zurückhaltung heraus- zulocken suchte, verstand es dieser, ihm ebenso gewandt immer wieder auszuweichen und unter Vermeidung alles Persönlichen allein über das Stück und seine hervor- ragende Besetzung zu spre- chen, die den Zuschauer ganz vergessen lasse, daß er sich in einem Theater befinde.

In tiefer Sorge suchte Wal- ter beim dritten Klingelzei- chen endlich seinen Platz in der vordersten Parkettreihe wieder auf.

Die geheime Angst um Kurt hatte sich durch seinen Be- such bei den Karrs nur noch weiter verstärkt; im.mcr wie- der gingen seine Gedanken um den Freund und die un- selige junge Frau, deren Hand beim Abschied so kalt und leblos wie ein Stein in der seinen gelegen, in deren fie- bernden Augen die hilflose Verzweiflung eines gehetzten und unentrinnbar umstellten Tieres gestanden hatte.

Der zweite Akt, der etwa ^^^.— ^— ^—

acht Tage nach dem ersten spielte, zeigte die gleiche Sze- nerie der Diele am Spät- nachmittag eines dunklen Somnicrtages.

Der Ehemann hatte den Dichter zu einer Aussprache in sein Haus gebeten und, um diese möglichst unauffällig zu gestalten, hierfür die Form einer Einladung zum Tee gewählt.

In dem gedämpften Licht einer hohen Stehlampe saßen sich die beiden Herren in den Klubsesseln am Kamin gegenüber, in verhaltener Ruhe und gemessener Höllichkeit, indes aus ihrer halblaut geführten Unterhaltung die tiefe Gegnerschaft wie eine unsichtbare Flamme allmählich immer höher brannte.

Schon lange sprach fast ausschließlich der Gatte, abgerissen, stoßweise, in Scham und Angst um die geliebte Frau, die er zu verlieren fürchtete, vielleicht schon verloren hatte.

In eindringlichen Worten suchte er dem jüngeren Mann vor Augen zu führen, wie seine Gattin seit Tagen völlig verwandelt, verzaubert sei, wie er sich gar nicht mehr in ihr zurechtfinden könne und schon daran gedacht habe, einen Nervenarzt zu Rate zu *iehen.

,,Es ist ungcsvöhnlich," sagte er endlich, ,.und vielleicht auch unmännlich, daß ich mich mit diesen Dingen an Sie wende.

Aber ich glaube doch als Mensch zum Menschen sprechen zu können. Meine Frau ist krank, seelisch krank, krank nach Ihnen. Darüber mache ich mir absolut keine Illusionen. Sie hat es mir ja auch selbst eingestanden. Denn sie ist viel zu stolz für eine Lüge! Lieber Herr Doktor", schloß er erschöpft. ,,Es gibt ja so viele Frauen! Warum wollen Sie mir gerade die Frau nehmen, von der mein ganzes Lebensglück abhängt?"

,,Ich glaube, Sie verkennen die Sachlage", gab der Dichter nach einer kurzen Pause ruhig zur Antwort. „Nicht ich nehme Ihnen Ihre Frau, es ist das Schicksal, das uns zueinander treibt. Unsere Jugend und unsere Liebe. Und das ist stärker als alles in der Welt, Sie wissen, daß Ihre Gattin sich mit dem Gedanken einer Scheidung trägt. Warum wollen Sie sie da halten, seit Sie sich darüber klar sind, daß Ihnen ihr Herz nicht mehr gehört?"

,,Nie, niemals willige ich in eine Scheidung!" Unwillkürlich war der Ehemann aufgesprungen und stand drohend vor seinem jungen Gast.

,,Ich gebe nichts her, was ich besitze, am allerwenigsten meine Frau!"

In diesem Augenblick öff- nete sich zur Linken eine Tür. -~~^^ ^— Die junge Frau trat ein.

Mit einem einzigen Blick erfaßte sie den Zusammen- hang, fühlte sie instinktiv, wie in diesen beiden Män- nern bei aller bisherigen äußeren Korrektheit die ent- fesselten Urtriebe im Kampf um das Weib einer furchtbaren Entladung zudrängten.

Der Gatte hatte sich wieder in seinen Sessel niedergelas- sen.

Seine Hände irrten in ner- vösen Zuckungen über die Lehne, er bewegte den Kopf mechanisch hin und her, wie ein Tier, das aus seinem Kä- fig einen Ausweg sucht. J Mit weitgeöffneten, leeren! Augen starrte er wie gei- stesabwesend auf seine junge Frau, die in ihrer ruhigen, stillen, fast traumhaften Art noch einmal all das wieder- holte, was in diesen ganzen letzten Tagen in endlosen, quälenden Gesprächen übet eine Trennung ihrer Ehe zwi- schen ihnen verhandelt wor- den war,

,,Und unser Kind?"

"^~~"~^^^^^"~~~"~^^~~ Die Stimme des Gatter!

klang auf einmal wieder gan; fest und klar, in einem letzter Versuch, das schon unrcttbai Verlorene doch vielleicht nocl einmal zurückzugewinnen. Die junge Frau zögerte sekundenlang mit der Antwort. ,,Ich bin auch nur ein Mensch!" sagte sie dann mit einer leisen, sehnsüchtigen Lächeln, das wie ein verlorener Glücks hauch über ihr feines Gesichtchen huschte. „Auch über unse Kind wird am Ende eine Einigung zu erzielen sein!"

Da stand der Gatte auf einmal wieder blitzschnell auf del Füßen.

Der Lauf eines Revolvers blinkte in seiner drohend ei hobenen Rechten,

Eine Dame im Parkett kreischte laut auf. Dann krachte ein Schuß, Eine Scheibe splitterte. Die große Stehlampe stürzte um. Sekundenlang herrschte auf ('cjr Bühne ein tiefes Dunkel, un man hörte durch die totenhafte Stille nur die keuchenden Aten züge zw-eier miteinander ringender Männer.

Als es endlich wieder hell wurde, lag der Gatte wie eii leblose Masse in seinem Sessel, die noch rauchende Waffe der schlaff herabhängenden Hand. Fortsetzung folgt

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Anfragen erbitten wir an die Redaktion des F i 1 ra - M a g a z i n ", Berlin SW 68, Zimmerstr. 35-41. Schcrlverlag. Antwort erfolijt im „Film-Magazin". Die Einsendung von Rückporto hat also keinen Zweck

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II. h'.. U e r 1 i n : Senden Sic iiii- die fiinr l'<i>(k;irieii nnd 2..'iii in .M.irkcii. d.i. in weiden \vii Ihni'ii die Aiilii;;raninic lieber;;!'!!.

I>1-. I'., ]t r a n n .s c li w c i j;- : K> tut nn< leid, lliiien keine luak- ti^elien llalvehlii^e nclien zci kinincn. da wir F;nnai;('iin'iil> riehl \<'iiiii'- Iclii. Am liebten. Sic wenden >i(li .in die Filni;;c.sell>cliaflcn diii'kt, oder